0.2 Vorwort der Autor_innen: Gedanken zum Gruppenprozess

Dieses Heft wurde durch einen Gruppenprozess angeregt. Das Heft soll explizit kein Ersatz für eine längere Auseinandersetzung mit dem Thema sein, wie wir sie in unserer Gruppe geführt haben. Wir glauben fest daran, dass alle eigene kleine Gruppen gründen sollten, um dieses Thema zu diskutieren und eigene Texte zu produzieren. Wir würden sie gerne lesen.
Wir sind eine Gruppe von fünf Leuten unterschiedlichen Geschlechts und haben uns mit einem Thema pro Woche in zweistündigen Treffen beschäftigt. Hier die Themen dieser Auseinandersetzung:

⁃ Definitionen: Was ist Misshandlung? Was ist häusliche Gewalt?
⁃ Definitionen: Gibt es so etwas wie Gewalt im gegenseitigen Einverständnis?
⁃ Wie stehen Sexismus & Homophobie mit intimer Gewalt (sowohl in queeren als auch in Hetero-Beziehungen) in Zusammenhang?
⁃ Welchen Einfluss hat die US-amerikanische Dominanzgesellschaft auf häusliche Gewalt? Welche Rolle spielt/spielen in diesem Zusammenhang die Geschichte und die Kontinuitäten von Rassismus und Migration?
⁃ Welche Probleme und Fragen im Umgang mit intimer Gewalt stellen sich der linken Szene bzw. alternativen Gruppen? Was bedeutet die Übernahme von Verantwortung?
⁃ Wie kann eine sinnvolle Hilfe für alle an intimer Gewalt beteiligten Menschen aussehen?

Wir haben nicht versucht endgültige Antworten für irgendwas zu finden, sondern lediglich Ideen und Ansätzen nachzugehen und von unseren unterschiedlichen Erfahrungen zu lernen. Einige von uns haben Erfahrungen mit sozialer Arbeit und wir alle haben uns schon mit Konflikten innerhalb unserer Polit-Gruppen befasst. (Wir sind die Leute, die angerufen werden, wenn jemand ein Problem hat.) Die meisten von uns haben persönliche Erfahrungen mit intimer Gewalt, die wir als Kinder oder als Erwachsene gemacht haben. Niemandem von uns ist jemals öffentlich ein Vorwurf gemacht worden, jemandem intime Gewalt angetan zu haben, aber wir haben alle Freunde, bei denen dies der Fall war.

Ein paar von uns waren bereits in anderen Gruppen, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben, aber die sich teilweise deswegen aufgelöst haben, weil das Thema so verdammt schwierig ist. Wir haben die Fragen theoretisch formuliert, weil wir meinen, dass es wichtig ist allen Beteiligten die Möglichkeit zu lassen, persönliche Aspekte erst dann zu behandeln, wenn sie dazu bereit sind. Am Ende unserer Gruppenarbeit hatten alle von uns persönliche Erfahrungen in die Diskussion eingebracht und fühlten sich dabei sicher. Wir waren uns einig, dass es unbedingt nötig war, uns genug Zeit zum Nachdenken zu lassen und uns bei der Bearbeitung kontroverser Fragen gegenseitig so zu vertrauen, dass man in diesen Gesprächen weiter kommen konnte. Viele von uns waren vorher schon bei großen Gesprächsrunden und Veranstaltungen dabei, wo sich die Leute nur wenig oder gar nicht kannten, und diese Gespräche schienen uns nie besonders weit geführt zu haben. Die Teilnehmenden konnten in diesem Rahmen weder viel lernen, noch sich in dem nötigen Umfang mitteilen, da es fast keine engen persönlichen Beziehungen und Bindungen gab. Deshalb haben wir eine kleine Gruppe gebildet. Als mehr Leute dazu kommen wollten, haben wir ihnen geraten, eigene kleine Gruppen zu gründen, in denen gegenseitiges Vertrauen besteht.

Unseren Gruppenprozess fanden wir in einer Art und Weise beeindruckend und inspirierend wie wir es in jahrelanger politischer Arbeit nur selten erlebt haben. Arbeit die konkret, theoretisch und emotional ist, ist einfach großartig. Und, die Gefahr in Kauf nehmend, das sich das blöd anhört: diese Gruppe ist unglaublich – klug, engagiert und mutig. Dieses Heft zu lesen kann unseren Gruppenprozess nicht wiedergeben. Der Wert so einer Arbeit liegt in den Beziehungen, die durch Gespräche mit Freunden innerhalb der Szene entstehen.

Schickt eure eigene Beiträge und konstruktive Kritik bitte an: jamiesaysΩearthlink.net. [Die Adresse ist leider abgeschaltet, Anm. des Übersetzungsteams]