1.2 Was ist uns wichtig?

Es mag eigenartig erscheinen, einen Text darüber zu verfassen, wie Betroffenen und Misshandelnden geholfen werden kann. Wir haben uns dazu entschlossen, weil wir an die Revolution glauben und an die Fähigkeit von Gruppen und Leuten, sich zu verändern. Wir glauben, dass Leute sich gegenseitig dabei helfen können, Probleme zu lösen, daran, dass wir alle mal Scheiße bauen und dass wir alle in der Lage sind richtig heftig Scheiße zu bauen, gerade weil wir alle in dieser kranken Gesellschaft aufgewachsen sind, die sich selbst als Zivilisation bezeichnet. Wir glauben, dass die einzige Möglichkeit, Dinge wirklich zu verändern ist, uns gegenseitig auf diese Scheiße hinzuweisen und so zu lernen, wie wir es das nächste Mal besser machen können.

Momentan sind die zwei häufigsten Reaktionen auf beschissenes Verhalten, es entweder zu ignorieren oder eine der beiden Personen auszuschließen. Wir weigern uns, es zu ignorieren! Es werden mehr Frauen durch häusliche Gewalt verletzt als durch Überfälle, Vergewaltigungen durch Fremde und Autounfälle zusammen. In jeder Szene, auch in unserer. Es ist Zeit, die „Das-ist-nicht-mein-Problem-“ und die „Ich-kann-ja-eh-nichts-tun-Scheuklappen“ abzunehmen. Um Unterdrückung zu beenden und eine entspanntere Szene aufzubauen, müssen alle mithelfen.

Wenn aber der einzige Umgang mit der misshandelnden Person und ihrer Gewalttätigkeit der ist, diese zu dämonisieren und aus der Szene zu schmeissen, so hilft das der Person nicht gerade dabei einzugestehen, ein Arschloch gewesen zu sein. Dieses Verhalten verringert außerdem die Wahrscheinlichkeit, dass Leute, die diese Person mögen (vielleicht sogar die misshandelte Person selbst, da sie ja aus einer engen Beziehung kommt), sich trauen über den Vorfall oder die Vorfälle zu reden. Leute, die Scheiße bauen, sind oftmals tolle, manchmal wunderbare Menschen und es kann sein, dass sie wichtige Arbeit innerhalb der Szene leisten. Wenn wir jeder Person, die jemals Scheiße gebaut hat ein One-way-ticket nach Buxtehude kaufen, würde die Szene ziemlich schnell sehr klein werden und die Buxtehudener wären uns sicher auch nicht dankbar.

Nichtsdestoweniger funktioniert eine Auseinandersetzung nur mit Leuten, die a) Hilfe wollen und b) daran interessiert sind ihre Situation zu verändern. Es gibt viele kreative Möglichkeiten, Leute dazu zu bewegen, sich gegenüber Veränderungen zu öffnen, angefangen davon, sie mit leckerem Essen zu bekochen und mit ihnen zu reden oder, wenn es nicht anders geht, ihnen in den Arsch zu treten. Wenn sie wirklich keinerlei Interesse zeigen, dann ist es bzw. sind sie die Mühe nicht wert. In diesem Fall kann man nichts anderes tun, als sie mit allen notwendigen Mitteln davon abzuhalten, andere Personen zu verletzten. Aber gebt sie nicht auf, bevor ihr nicht richtig und lange versucht habt sie zu überzeugen (inklusive Pausen für alle Beteiligten). Denn wenn es euch gelingt sie davon zu überzeugen, sich zu ändern, verdammt, dann ist das eine revolutionäre Tat. (Mehr Vorschläge dazu wie unwillige Idiot_innen überzeugt werden können, siehe: 3.3 Wie mit Arschlöchern umgehen, die sich dem Ganzen verweigern? S. 48)

Hinzu kommt, dass die Entwicklung eines Systems der gemeinschaftlichen Hilfe eine frühe Intervention ermöglicht. Leuten zu helfen, ihren Mist durchzusprechen, solange sie noch dabei sind sich gegenseitig anzuschreien, kann womöglich körperliche Gewalt verhindern. Bei Gewalt geht es oft um Isolation. Die Tatsache, dass die Umgebung nicht hinschauen will, ist Teil der Art und Weise, die es Menschen ermöglicht, andere halb tot zu schlagen. Soweit unsere Erkenntnisse zutreffen gibt es häusliche Gewalt in allen Kulturen, also in der ganzen Welt. Aber an einigen Orten leben die Menschen weniger isoliert als in anderen. Wenn Freunde oder Nachbarn in wenig isolierten Gegenden andere streiten hören, kommen sie vorbei, um zu sehen was los ist. Oder die Frauen der Nachbarschaft kommen vorbei und stellen sich mit Stöcken bewaffnet ums Haus, sodass der Misshandelnde eine Weile abhauen muss. An solchen Orten sind die Verletzungen die durch intime Gewalt verursacht werden, oft nicht so schwerwiegend und Todesfälle kommen fast gar nicht vor.

Unglücklicherweise gibt es in unserer Gesellschaft nicht besonders viele Möglichkeiten, vernünftig mit intimer Gewalt umzugehen, weil Bullen einfach scheiße sind. Das Unrechtssystem, das systematisch people of color, radikale und queere Gruppen und Migrant_innen kriminalisiert und diese brutal behandelt, ist nicht gerade die erste Adresse, an die viele von uns sich wenden wollen, wenn wir angegriffen werden. Die Gerichte sind zudem dafür berüchtigt, männliche Misshandelnde laufen zu lassen und gleichzeitig weiblichen Betroffenen eins reinzuwürgen, weil sie sich gewehrt haben. Außerdem – wem hat das Gefängnis bisher jemals geholfen? (Mehr zur Polizei siehe: 3.6 Die Bullen rufen, S. 56) Es gibt einige Einrichtungen die hilfreich sein können, z. B. Frauenhäuser oder Einrichtungen die Therapien anbieten. Aber soziale Einrichtungen neigen dazu, in ihren Angeboten und Anschauungen ziemlich beschränkt zu sein. Unsere Freund_innen, die bei sozialen Notfall-Einrichtungen arbeiten, sind mindestens überarbeitet und zusätzlich durch das Rechtssystem eingeschränkt. Schlimmstenfalls interessieren sich die Sozialarbeiter_innen gar nicht oder halten gemeinschaftliche Hilfe für falsch und sabotieren sie. Also seid vorsichtig, wenn ihr darüber nachdenkt, jemanden an eine solche Einrichtung weiterzuleiten. Recherchiert vorher und versucht herauszufinden, was für einen Ruf die Organisation hat und was sie wirklich tun kann.