1.4 Wann, wie und für wen?

Dieses Heft richtet sich an Menschen, die ihre Freund_innen unterstützen wollen. Aber es kann auch hilfreich für Personen sein, die auf der Suche nach Hilfe sind, die hier Anregungen bekommen, um was sie überhaupt bitten könnten. Besonders wenn sie isoliert sind. In vielen Gewaltsituationen verlieren beide Seiten den Kontakt zu ihren Freund_innen, oder sie sind neu in der Stadt und somit besonders anfällig für Gewaltsituationen. An Qof und Samekh : Falls ihr eine schwere Zeit und nicht viele Leute habt, denen ihr nahe steht, gebt eure Zurückhaltung auf – ruft eine_n alte_n Freund_in oder eine_n Bekannte_n an, schreibt eine Mail oder fahrt zu den Leuten und bittet um Hilfe. Versucht dabei so präzise wie möglich zu formulieren, was ihr von ihnen wollt. Die meisten Menschen (und viele andere Lebewesen) sind ziemlich gut darin, zu helfen, solange ihnen klar ist worauf sie sich einlassen.

Nicht alle sozialen Zusammenhänge sind zahlenmäßig so stark und zeitlich frei, dass sie nur auf die Gelegenheit warten, jemanden zu unterstützen. Daher ist dieses Heft wahrscheinlich eher etwas für größere oder etabliertere Zusammenhänge. Das heißt aber nicht, dass ihr es nicht nehmen und eurer Situation anpassen könnt. Wenn ihr nur begrenzt Hilfe anbieten könnt, könnt ihr euch auch dazu entschließen, woanders Hilfe zu suchen, z.B. bei Beratungsstellen, Gerichten, der Polizei, usw.

Der Unterstützungsprozess wird am besten funktionieren, wenn ihr euch im Freundeskreis mit diesen Dingen beschäftigt und euch darüber unterhaltet, lange bevor sich eine Krise anbahnt. Lern- und Politgruppen sind großartig (wir lieben unsere), oder ihr könnt das auch erst mal eine Weile mit guten Freund_innen durchkauen. Krisen sind echt verdammt schwer zu bewältigen, selbst wenn alle gut vorbereitet sind und sich bestens verhalten. Und Leute in der Szene dazu zu bringen, über dieses Thema zu reden, ist schon die halbe Miete. Also, worauf wartet Ihr noch?

Aber… – natürlich leben wir (noch) nicht in einer perfekten Welt. Also, falls das Kind schon in den Brunnen gefallen ist und ihr das hier lest, während ihr euch aufmacht um XY zu helfen, dann los. Unter einer Voraussetzung: Denkt nicht mal dran so was ganz alleine zu machen! Hilfe und Unterstützung bei solchen Problemen (wie auch die Revolution) ist ganz klar Teamarbeit. ACHTUNG! GEFAHR! Falls eine_r von euch versucht, die einzige Bezugsperson für jemand zu sein, der-/diejenige wird total schnell entmutigt und ausgebrannt sein. Ihr seid keine Superheld_innen, selbst wenn ihr das coole Outfit dazu habt. (Für Tipps, wie ihr euch als Bezugsperson oder Bezugsgruppe um euch selbst kümmern könnt, siehe Abschnitt: Wie ihr euch als unterstützende Personen um euch selbst kümmert.)

Manchmal wird Samekh um Hilfe bitten, aber eben nicht immer. Falls ihr blaue Flecken bei jemandem bemerkt oder euch jemand anvertraut, dass ihr_e/sein_e Partner_in etwas getan hat, das total daneben war, denkt darüber nach, wie ihr mit den Personen reden und was ihr tun könnt und wollt.

a. Es kann sein, dass Samekh das Verhalten nicht als Misshandlung begreift. Wenn ihr mit Samekh darüber reden wollt, macht deutlich, dass ihr glaubt, dass so ein Verhalten unakzeptabel ist – ohne Samekh oder Qof dabei zu verurteilen. Denn Qof als „Trottel“, „Arschloch“ oder „Idioten“ zu bezeichnen oder Begriffe wie „häusliche Gewalt“ oder „verprügelte Frauen“ zu benutzen, könnte Samekh abschrecken oder dazu bringen sich angegriffen zu fühlen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Samekh viel für Qof empfindet, ungeachtet dessen was ihr als Misshandlung begreift. Seid konkret, was die Verhaltensweisen angeht, um die es euch geht. Nur zu sagen „das ist scheiße“, könnte so aussehen, als ob ihr denkt was Qof getan hat sei zwar nicht in Ordnung, aber noch im Rahmen des Normalen.

b. Es kann sein, dass sich Samekh nicht damit auseinandersetzen will. Ihr könnt natürlich immer versuchen, die Person zu überzeugen, aber letztendlich ist es ihre Entscheidung ( Qof hat diese Option nicht). Wenn ihr Samekh dazu überredet Hilfe anzunehmen, die die Person aber nicht wirklich will, helft ihr ihr nicht wirklich dabei mit ihrem Problem umzugehen, sondern ihr bevormundet sie dadurch ebenfalls. Besteht vor allem nicht darauf, dass jemand eine gewalttätige Beziehung verlässt ohne dass die Person dazu bereit ist. Sie mag gute Gründe dafür haben. Das Verlassen ist oft der gefährlichste Moment in einer gewalttätigen Beziehung. (Zu 79% der physischen Gewalttaten zwischen Verheirateten kommt es nachdem Samekh gegangen ist. Für Vorsichtsmaßnahmen beim Verlassen, siehe: 3.4 Vorsichtsmaßnahmen beim Verlassen einer kaputten und gewalttätigen Beziehung, S. 50).
c. Es kann sein, dass ihr euch nicht damit auseinandersetzen wollt. Ihr seid weder verpflichtet (noch in der Lage) allen Leuten im Universum, die ein Problem haben zu helfen. Wenn sie Hilfe wollen, könnt ihr sie immer auch an andere Personen verweisen, an eure Vertrauten oder auch an Hilfsorganisationen oder Hotlines.
d. Es kann sein, dass sich Samekh damit auseinandersetzt, aber nicht darüber reden möchte, was passiert ist. Unser gesunder Menschenverstand sagt uns, dass über schlimme Situationen zu reden, die Aufarbeitung erleichtert und in den meisten Fällen ist das letztendlich wohl auch so. Aber Leute, die sich mit Post-Traumatischen-Stress-Störungen beschäftigen, sagen, dass es nicht das Beste ist, Personen, die richtig viel Scheiße durchgemacht haben, gleich dazu zu bringen, alles zu beschreiben. Das wichtigste ist, alles zu tun, um sie zu beruhigen und ihnen so schnell wie möglich ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Sie werden reden, wenn sie soweit sind, und vielleicht werden sie eine Weile lang nicht dazu bereit sein – es könnte sogar einen Monat dauern. In der Zwischenzeit könnt ihr durch andere Arten der Unterstützung helfen.
e. Denkt darüber nach, was ihr bereit seid zu tun, bevor ihr Hilfe anbietet. Samekh muss sich mit einer Menge Scheiß auseinandersetzen, ist damit vielleicht überfordert und verwirrt und braucht womöglich viele verschiedene Dinge. Ihr müsst entscheiden, wie viel ihr bewältigen könnt. Es ist besser, langsam anzufangen, als sich dann plötzlich überfordert zurückzuziehen, wenn es zuviel wird.
f. Seht euch die Machtpositionenen und deren Dynamiken an. Der Geschlechterunterschied ist bekanntermaßen nicht der einzige Faktor, der innerhalb einer Beziehung zu einem Machtungleichgewicht führen kann. „Race“, Kultur, Klasse usw. sind ebenfalls Faktoren, die nicht nur Machtverhältnisse beeinflussen, sondern darüber hinaus auch Sicherheit, Kommunikationsformen und den Zugang zu bestimmten Dienstleistungen oder Ressourcen. Wir haben uns dafür entschieden, in diesem Heft von Machtpositionen und ihrer Dynamik im Allgemeinen zu sprechen, regen euch jedoch dazu an, diese beim Lesen durch konkrete Beispiele zu ergänzen.


1 Antwort auf “1.4 Wann, wie und für wen?”


  1. 1 Harper 10. März 2011 um 16:39 Uhr

    14 wann wie und fuer wen.. Great idea :)

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