2.4.2 Transformative Hilfe – Versuch einer Definition

Transformative Hilfe ist anders als Therapie, denn sie konzentriert sich auf die Gegenwart, nicht auf die Vergangenheit.

Genau wie alles andere bedeutet Transformative Hilfe Teamarbeit. Da ihr mit Außenstehenden nicht über das reden könnt, was ihr hört und erlebt, ist es wichtig, dass ihr bei anderen aus der Gruppe Dampf ablassen könnt. Zuzuhören und dabei nicht persönlich betroffen zu sein oder die eigenen Gefühle zu äußern, wenn jemand die furchtbaren Details intimer Gewalt berichtet (oder leugnet) ist schwere Arbeit. Du wirst ein Ventil brauchen. Solltest du versuchen alles runterzuschlucken, kannst du dir sicher sein, dass es früher oder später, vielleicht während einer der Treffen, auf eine völlig unangemessene Art und Weise hochkommt. Außerdem müsst ihr in der Lage sein, euch gegenseitig zu stoppen, falls irgendwas aus dem Ruder läuft: Wenn du z.B. anfängst, die Person, die du unterstützt zu hassen oder zu lieben. Es kommt nicht selten vor, dass Leute, die diese Art von Arbeit leisten, sich in Samekh oder Qof verlieben und/oder mit ihnen im Bett landen. Wenn Leute so verletzlich sind, wie während des Prozesses, in dem sie ein riesiges Beziehungsdrama zu entwirren versuchen, dann verursacht dies ein zusätzliches Durcheinander und es zerstört deine Glaubwürdigkeit als helfende Person. Außerdem wirst du Teil der Dynamik, die Samekh/Qof überhaupt erst in diese Lage gebracht haben. Also, wenn es dich überkommt etwas derartiges zu tun, melde dich bei einer oder mehreren anderen helfenden Person(en) und zieh dich erst mal zurück.

Jedes der Teams für Transformative Unterstützung (TTU – eins für Samekh und ein anderes für Qof) besteht idealerweise aus mindestens zwei Personen, die gegenüber der Situation eine gewisse Neutralität beibehalten. Wenn du dich zu sehr mit der Person identifizierst, die du unterstützen willst, und du anfängst ihr alles glauben zu wollen, was sie dir erzählt, lass es! Wenn du emotional zu stark beteiligt bist, schaffst du es nicht die Person dazu zu bringen, sich mit dem was ihr passiert ist auseinander zu setzen. Bei Qof musst du zudem höchstwahrscheinlich erst einige massive Verleugnungsstrategien überwinden, und Samekh wirst du dazu bringen müssen, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, ohne dabei zu verurteilen. Gleichzeitig muss Samekh oder Qof dir genug vertrauen, um vor dir das Innerstes nach außen zu kehren und dir zu glauben, dass du die Geschichte nicht in der nächsten Ausgabe des Szenemagazins veröffentlichst.

Wenn du allerdings zu neutral bist und dich gar nicht mit ihnen identifizieren kannst, besteht die Möglichkeit, dass du zu distanziert bist, um ihre Probleme oder die Situation wirklich zu verstehen. Die Leute, die die beste transformative Arbeit leisten, haben sich mit ihren eigenen Dämonen bereits auseinandergesetzt und ihre eigenen Probleme schließlich in den Griff bekommen. Sie haben einen transformativen Prozess durchgemacht (dabei muss es sich nicht unbedingt um intime Gewalt gehandelt haben, es kann auch um Abhängigkeit oder schlimme Depressionen oder andere Lebenskrisen gegangen sein) und wissen daher, was von Leuten in den unterschiedlichen Stadien einer Krise zu erwarten ist.

Krisen laufen zyklisch ab, wie fast alles andere im Leben auch, und die Stadien sehen bei Samekh und Qof ziemlich ähnlich aus. Es macht Sinn zu wissen, in welchem Stadium sie sich gerade befinden um entsprechend auf sie reagieren zu können, sie z.B. daran zu erinnern, dass sie in dem Prozess krasse Höhen und Tiefen durchmachen werden. Während der eigentlichen Krise schalten die Leute meist in eine Art Überlebensmodus. Aber in dem können sie nicht lange bleiben, denn irgendwann bleibt das Adrenalin aus und dann kommt der Schock. Die Dinge haben sich eventuell beruhigt, doch sie fühlen sich trotzdem plötzlich außer Kontrolle, sind depressiv oder am Boden zerstört. Wenn sie anfangen sich mit Sachen auseinander zu setzen, fühlt sich Samekh wahrscheinlich besser und Qof schuldig. Während der weiteren Auseinandersetzung folgt dann meistens eine trügerische Hoch-Phase, in der sie der Meinung sind jetzt alles verstanden zu haben. Sie machen Fortschritte in der Therapie, es hat Entschuldigungen gegeben, sie vermissen sich gegenseitig, also –hmm – lass uns doch wieder zusammen kommen (oder eine neue Beziehung mit einer ebenso charmanten Person beginnen). Schließlich, und das muss nicht lange dauern, passiert wieder was Schlimmes. Jetzt fühlen sie sich zusätzlich zu all dem, was aktuell gerade passiert ist, auch noch betrogen, entweder von sich selbst oder von der anderen Person. Das führt zu erneuten Tiefpunkten dem Gefühl des Versagens, Wut, Angst oder Depression, dies kann eine gefährliche Zeit sein. Der Trick dabei ist es, zu wissen, dass es unvermeidbare Hochs und Tiefs geben wird und dadurch in der Lage zu sein, sich durchzuboxen ohne sich unrealistischen Erwartungen hinzugeben.

Die Transformative Hilfe sollte erst beginnen, wenn sich die akute Situation etwas beruhigt hat (der Adrenalintank fast leer ist) und die Leute in der Lage sind, sich zu reflektieren. Sich an all die schrecklichen Momente einer Beziehung zu erinnern ist eine ziemlich schwierige Sache und kann re-traumatisierend wirken, wenn mensch sich der Auseinandersetzung zu früh stellt (Leute die sich mit PTSD – Post-Traumatischen-Stress-Störungen – beschäftigen, vertreten die Ansicht, dass Leute im Idealfall 2-5 Wochen warten sollten, bevor sie ein traumatisches Ereignis detailliert beschreiben). Also wartet bis die Krise vorbei ist, Samekh oder Qof von anderen Mitgliedern des TTU mit einigen grundlegenden Dingen versorgt worden ist, um sich nun wirklich sicher genug zu fühlen, über die Probleme zu reden. Dann schnall dich gut an, denn es wird eine Weile dauern. Die Krise selbst wird wahrscheinlich nicht länger als 1-2 Wochen dauern, aber der Prozess, den jede Person durchlaufen muss, um sich wirklich zu verändern, dauert Jahre. Die transformative Hilfe ist der Teil, der etwa in der Mitte dieses Gesamtprozesses abläuft. Du solltest in der Lage sein dich für mindestens 3-6 Monate zu verpflichten mit Samekh oder Qof zu arbeiten (danach kann es sein, dass du fertig bist, sie es aber nicht sind). Deine Aufgabe ist es Leuten zu helfen, in dieser ersten Phase der Auseinandersetzung klar zu kommen, bis du sie auf den Weg zu einer coolen langfristigeren Unterstützung gebracht hast.