2.4.3 Schritt für Schritt – die Praxis

Schritt 1 – Findet einen guten Ort

Dieser Schritt gilt für Samekh und Qof

Als Erstes muss eine sichere, bequeme und private Umgebung geschaffen werden, um eine offene Gesprächsatmosphäre zu ermöglichen. Wenn ihr es euch z.B. in einer WG gemütlich macht, seht zu, dass keine Leute reinplatzen oder das nächste Plenum darauf wartet, das ihr den Raum freigebt. Samekh oder Qof sollte wissen, dass alles was ihr besprecht 100% vertraulich ist und ihr sie nicht bewertet. In diesem Prozess geht es darum, dass es ihnen besser geht und sie sich offen und ehrlich das Geschehene anschauen können; um das zu ermöglichen, ist es wichtig, dass sie dabei alle Scham- und Peinlichkeitsgefühle außen vor lassen können.

Schritt 2 – Allgemeine Herangehensweise

Für Samekh
Erklärt Samekh , dass ihr da seid, um zuzuhören und um zu helfen, aber dass ihr Samekh keine magischen Lösungsformeln präsentieren könnt und auch keine Ratschläge geben werdet. Da es angesichts der Situation sein kann, dass Samekh sich selbst nicht sehr vertraut und jemanden von euch vielleicht darum bitten wird, stellvertretend Entscheidungen zu treffen, muss euch klar sein, dass ihr hier nicht nachgeben dürft.
Bringt Samekh dazu die eigene Rolle in der Situation zu reflektieren. Das bedeutet nicht, dass das, was Qof getan hat, Samekh’s Fehler war, aber Samekh muss sich auch mit der Dynamik innerhalb der Beziehung auseinandersetzen und damit ob und wie Samekh selbst zu dem Mist beigetragen hat. So soll verhindert werden, dass so was noch mal passiert. Dazu muss Samekh einige Sachen selber herausfinden, z.B., ob es darum geht bessere Kommunikationsfähigkeiten zu entwickeln, zu lernen Grenzen zu setzen oder einfach nur herauszufinden, wie Arschlöcher schon auf einen Kilometer Entfernung erkannt werden können.
Achtung vor dem Opfersyndrom! Menschen, denen ihre ganze Macht genommen wurde, suchen manchmal nach der noch so kleinsten Möglichkeit etwas davon zurück zu gewinnen. Und verletzt zu werden, also ein Opfer zu sein, kann ein Weg sein um Macht zu erlangen. Die (verdrehte) Logik sieht folgendermaßen aus: Wenn dir Unrecht geschehen ist, hast du recht; wenn du recht hast, dann bist du gut; wenn du gut bist, dann bist du liebenswert, usw. Das bedeutet nicht, dass Samekh losgezogen ist um sich jemanden zu suchen, der Samekh angreift, damit sich im Recht fühlen konnte, aber wenn die Gewalt schon stattgefunden hat, kann es manchmal sein, dass Samekh den Opferstatus länger in Anspruch nimmt als es hilfreich wäre. Das schwierigste an deinem Job ist es, dies der Person vor Augen zu führen und gleichzeitig ihre Stärken hervorzuheben. Dabei soll sich aber natürlich niemand wie ein Häufchen Elend fühlen. Eventuell kannst du Samekh direkt fragen, was die Beziehung wertvoll gemacht hat. Für Samekh ist es wichtig erst zu wissen, warum Samekh bleiben wollte (für wie lang auch immer), um dann wirklich in der Lage zu sein, die Beziehung verlassen zu wollen.

Für Qof
Du wirst bei Qof drängen und einiges aufwühlen müssen. Erinnere die Person daran, dass sie da ist, weil sie sich ändern wollte, und dass das nur funktionieren kann, wenn sie richtig ehrlich mit sich selbst ist. Wenn Qof sich nicht damit auseinandersetzen will, was Qof getan hat, verurteilt Qof sich selbst dazu das Ganze später zu wiederholen. Eine Möglichkeit, genug Vertrauen zu schaffen, damit Qof sich reflektieren kann, ist, dass du von deinen eigenen Erfahrungen erzählst, von der Scheiße, die du gebaut hast und wie du damit fertig geworden bist. Es kann schwierig sein, das so zu vermitteln, ohne dass es sich so anhört, als hättest du mittlerweile die Weisheit mit Löffeln gefressen (was gewöhnlich ziemlich abschreckend wirkt) – aber es ist ein Versuch wert.
Eine andere Möglichkeit, die Person dazu zu bringen, sich gründlich mit ihrer schmutzigen Wäsche zu beschäftigen (was vielen Menschen selbst unter normalen Umständen schwer fällt), ist, die Konsequenzen mit ihr durchzugehen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es nur ein dünner Grat ist zwischen einer Drohung und einer Klarstellung, was passiert, wenn jemand nicht zu einer Auseinandersetzung bereit ist. Wie Samekh muss auch Qof einen Prozess durchmachen und im Idealfall erkennt Qof, dass es massive Probleme gibt, wenn Qof das Leben nicht selbst in den Griff kriegt. Aber die Aussicht auf eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit ist nicht immer ein ausreichender Motivationsfaktor. Du musst Qof möglicherweise daran erinnern, dass Qof’s Handlungen Auswirkungen auf die Leute in der Szene haben, und dass diese Szene, wenn Qof sich der Auseinandersetzung einfach verweigert, so vehement reagieren wird, wie sie es für richtig hält und das könnte ziemlich unschön sein.

… ein paar Worte zur Gewalt

Schritt 3 – Schreib die Geschichte der intimen Gewalt auf

Für Samekh und Qof (in separaten Räumen, versteht sich)
Du kannst die Geschichte aufschreiben während die Person, der du hilfst redet, aber was auch immer du schreibst: sie darf es behalten. Fang mit der ersten beschissenen Begebenheit an, an die sie sich erinnern kann, egal ob sie verbal, physisch, emotional oder was auch immer war. Falls sie mit einer physisch schwierigen Situation anfangen, frag nach, ob Samekh / Qof davor irgendeine Ahnung hatte, dass was nicht in Ordnung war – Streit, negative Kommentare, emotionale Erpressung, usw. – und schreib das auch mit auf. Fahr fort bis zu den letzten Ereignissen. Während dieser Schritte hörst du größtenteils zu und stellst Fragen.

Berücksichtige dabei:
⁃ Gewaltkreisläufe und Eskalationsmuster
⁃ Dinge, die Samekh / Qof getan hat um Sachen zu verändern
⁃ Gefühle, die Samekh / Qof beim Leben mit intimer Gewalt hatte
⁃ was Samekh / Qof denkt, warum es zur intimen Gewalt gekommen ist
⁃ die Hoffnungen und Wünsche im Hinblick auf eine Änderung der Situation
⁃ was auch immer über die andere Person gesagt werden will, Positives und Negatives

Bei Qof berücksichtige außerdem:
⁃ was sind die auslösenden Momente für intime Gewalt
⁃ was sind die positiven Dinge, die in die Beziehung eingebracht hat ?

Bei Samekh:
was hat Samekh die Beziehung bedeutet?

Schritt 4 – Macht eine Pause
Kommt aus euren Löchern raus, streckt die Beine aus und schaut euch um, ob irgendwo noch mehr Schokolade zu finden ist.

Schritt 5 – Schaut euch an, was du aufgeschrieben hast

Für Samekh und Qof (aber natürlich nicht zusammen)
Lest das Ganze vor und ergänzt Sachen, die ausgelassen wurden. Jetzt kannst du deine Kommentare dazu abgeben.
Besprecht den Gewaltkreislauf und weise auf die Momente der Geschichte hin, in denen dieser deiner Meinung nach eine Rolle gespielt hat. Erinnere Qof / Samekh daran, dass Gewalt eine verbreitete Sozialkatastrophe ist und dass Qof und Samekh dieses Beziehungsmuster nicht erfunden haben. Hilf Qof / Samekh zu erkennen, welche Rolle jede Person gespielt hat und wo die eigenen Verantwortlichkeiten liegen. Hebe die Punkte hervor, wo du Stärken siehst und Dinge, die in bestimmten Situationen getan wurden, um diese zu verändern oder zu verlassen. Besprecht die Gründe (Überzeugungen und Ängste), die Qof / Samekh davon abgehalten haben, abzuhauen und die dazu geführt haben den Mist zu entschuldigen. Gebt Qof / Samekh Anerkennung dafür, dass Qof / Samekh um Hilfe gebeten hat. Vermittle Qof / Samekh, dass Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse wichtig sind!

Schritt 6 – Macht einen Plan
Für Samekh und Qof (irgendwo weit, weit entfernt voneinander)
Redet über die Möglichkeiten, die jetzt vorhanden sind. Versucht Qof / Samekh dazu zu bringen, sich auf sich selbst zu konzentrieren – die andere Person zu verändern ist nicht die Aufgabe. Was sind die eigenen Ziele und Wünsche? Wie soll das eigene Leben aussehen, sowohl in naher Zukunft als auch ganz allgemein? Was muss die Person tun, um da hin zu kommen? Dabei kommen alle möglichen Beschäftigungen in Frage, vom Tagebuch schreiben bis zum Kickboxen. Alles, was ihnen hilft, das Leben zu verändern ist gut – Wandern, Kampfsport, Tuba spielen, im Kollektiv leben, vegan essen, eine neue Bürgerinitiative oder Antifagruppe gründen, usw. Wenn die Person depressiv ist und es ihr schwer fällt, sich etwas Besseres einfallen zu lassen, mach Vorschläge, wie eine positivere Kommunikations- und Beziehungsform aussehen kann.
Du kannst sie auch auf Therapiemöglichkeiten, Selbstverteidigungs- oder Aggressionsbewältigungskurse, Mediationseinrichtungen, Selbsthilfegruppen, Containern usw. hinweisen, wenn dir irgendwas davon angebracht oder sinnvoll erscheint.
Schreibt den Plan auf. Fangt mit kleinen Schritten an. Nehmt euch nicht zuviel vor. Es ist wichtig, dass der Plan Erfolg hat, damit Samekh oder Qof den Prozess am Laufen halten wollen. Deshalb ist ein kleiner, einfacher Plan sehr viel hilfreicher, als ein großer, komplizierter. Er sollte einen Zeitplan enthalten und festlegen, dass Menschen aus der Hilfs-Gruppe regelmäßig vorbeischauen. Und es macht Sinn, den Plan regelmäßig umzuschreiben und anzupassen, vielleicht sogar jedes Mal, wenn ihr euch trefft. Schreibt ihn immer wieder um, damit er hilfreich und machbar bleibt.

Für Samekh
Lass Samekh die Ideen für den Plan so weit wie möglich selbst gestalten. Wenn Samekh nicht weiterkommt, mach weitere Vorschläge, aber ohne zu drängen. Dann macht einen Realitäts- Check und seht euch die Vor- und Nachteile aller zusammengetragenen Optionen an. Es kann sein, dass sich Samekh zu etwas entscheidet, dass du für bescheuert hältst, wie zum Beispiel wieder mit Qof zusammen zu kommen, und du wirst das Bedürfnis haben Samekh davon abzubringen. Lass es! Auf lange Sicht hilfst du Samekh damit nicht. Stattdessen besprich mit Samekh die wahrscheinlichsten Folgen dieser Entscheidung (ohne Ratschläge zu geben) und dann respektiere, wofür auch immer Samekh sich entscheidet. Der einzige Weg, um zu lernen, gute Entscheidungen zu treffen, ist der, sie selbst zu treffen.

Für Qof
Qof kann für sich einen Plan entwickeln, aber auch Samekh und die Leute in der Szene können daran mitbeteiligt sein. Samekh hat höchstwahrscheinlich spezifische Anforderungen und Beschränkungen für Qof. Wenn die ganze Sache öffentlich ist, kann es sein, dass die Szene entscheidet, dass Qof erst Samekh’s Wünsche respektieren muss bevor Qof den ich-siebdrucke-meinen-schwarzen-Kapuzi-Kurs anfangen kann. Und es muss sicher gestellt werden, dass sich Qof auch an den Plan hält. Qof lässt sich vielleicht wirklich auf den Prozess ein und übernimmt Verantwortung, weil Qof sich wirklich ändern will, oder aber Qof macht nur pro forma mit, oder lügt, dass sich die Balken biegen, nur um die Anforderungen zu erfüllen. So oder so muss der Plan von jemandem überprüft werden, um sicher zu stellen, dass alles gut läuft.