Anhang: Männersache – Anderen helfen, Hilfe zu finden

Aus: Men´s Work von Paul Kivel
[Kivel ist Aktivist, Schriftsteller und Gewaltpräventions-Trainer. Der folgende Text ist ein Auszug aus seinem Buch, deswegen ändern sich hier Stil und inhaltliche Ausrichtung etwas. Dieser Text bezieht sich nur auf männliche Gewaltausübende].

Selbst Hilfe zu suchen und zu sehen, warum wir manchmal keine Hilfe bekommen, wenn wir sie brauchen – diese Erfahrung kann uns dabei helfen, effektivere Strategien zu entwickeln, um uns in die Angelegenheiten von Männern einzumischen, die Hilfe benötigen. Alle von uns haben männliche Freunde, Familienmitglieder, Arbeitskollegen und Nachbarn oder Mitbewohner. Was können wir tun, wenn einer von ihnen gewalttätig ist?

Einschreiten ist niemals einfach. In einer Gesellschaft, wo zwischenmenschliche Gewalt als selbstverständlich hingenommen wird, ist es riskant für uns, einzugreifen – als ob wir nicht längst mittendrin wären, als ob wir nicht alle bereits in Furcht leben würden angesichts des üblichen Levels an Gewalt. Nächstes Mal könnte es jemand von uns sein, der Hilfe braucht.

Sich in Familienangelegenheiten einzumischen ist am heikelsten. Das Private und Heilige der Familie, das Gefühl, was ihre Mitglieder tun sei ihre Sache – all diese Ideen halten uns davon ab, uns einzumischen. Ist es wirklich nicht unsere Sache, wenn unsere Kieze auseinanderbrechen, das Gesundheitssystem und die Gerichte überlastet sind, wenn täglich Leute ermordet und Leben zerstört werden durch die Auswirkungen häuslicher Gewalt?

Allerdings müssen wir, wenn wir es mit gewalttätigen Männern zu tun haben, daran denken: Sicherheit geht vor! Wir müssen sicher vor unmittelbarer Gewalt und Vergeltung sein, bevor wir jemanden auffordern können, Verantwortung für seine Gewalttätigkeit zu übernehmen oder wir ihm Unterstützung anbieten können.

Einen gewalttätigen Mann zu konfrontieren bedeutet, ihn klar und deutlich wissen zu lassen, dass seine Gewalt nicht akzeptabel ist und dass er so nicht weitermachen kann. Zeigt ihm, dass Gewalt illegal und gefährlich ist und dass ihr sie nicht weiter zulassen werdet. Vielleicht braucht er auch Hilfe, um zu erkennen, welchen Preis er selbst für seine Gewalt zahlt – geschwundene Selbstachtung, Schmerz, Verzweiflung und die Verrohung seines eigenen Lebens und seines Umfeldes.

Wir können ihm dieses Wissen durch ein persönliches Gespräch, Gruppendiskussionen, rechtliche Maßnahmen oder durch öffentliches Einschreiten vermitteln. Weil Einschreiten immer riskant ist, sollte niemand darüber urteilen, wie viel jemand anders sagt oder tut. Aber wenn wir gar keine Schritte unternehmen, um zu intervenieren, werden wir zu Komplizen der Gewalt. Intervention kann durch Polizei, Freund_innen, Nachbar_innen und Familienmitglieder geschehen. Effektives Einschreiten verringert den Level an Gewalt. Unsere erste Pflicht ist es, die unmittelbare Gewalt zu stoppen und die angegriffenen Leute zu unterstützen.

Unterstützung

Einzelne Männer, die gewalttätig sind, brauchen unsere Unterstützung, um sich zum Besseren zu verändern. Unterstützung sollte nicht mit Komplizenschaft verwechselt werden: es kann nicht hingenommen werden, dass die gewalttätige Situation andauert. Bedingung der Unterstützung muss stets das Ende der Gewalt sein.

Um einen gewalttätigen Mann zu unterstützen, müssen wir:

- seiner Gewalt entgegentreten.
- seine Gewalttätigkeit von seinem Wert als Person trennen.
- ihm helfen zu erkennen, dass seine Gewalt aus seinen eigenen Verletzungen, Schmerzen und seiner Machtlosigkeit resultiert.
- ihm helfen zu erkennen, dass Gewalt gefährlich, selbstzerstörerisch und ein ineffektiver Weg ist, um Bedürfnisse durchzusetzen.
- uns verpflichten, ihn über einen Zeitraum hin zu stützen und ein offenes Ohr für seine Erfahrungen von Gewalt, Feindschaft, Wut und Verzweiflung zu haben.
- uns seine Erziehung als Mann und seinen individuellen Platz in der Machthierarchie unserer Gesellschaft klarmachen. Dies schließt Hierarchien, die auf Klasse, Rassenzuschreibung, sexueller Orientierung und kulturellem Hintergrund basieren, mit ein.
- ihm helfen zu verstehen, dass Gewalt ein erlerntes und unnötiges Verhalten ist, dass geändert werden kann.
- den Teil in ihm ansprechen, der nicht gewalttätig sein will und andere nicht verletzen möchte.
- ihm dabei helfen, um Hilfe zu bitten – vielleicht eins der schwersten Dinge für einen Mann.

Persönliche Klarheit

Um der Gewalt anderer Männer entgegenzutreten und sie bei der Veränderung ihres Verhaltens zu unterstützen, müssen wir auch uns selbst gewisse Dinge klar machen.

Es ist nötig, dass wir

- unsere eigenen Gewalterfahrungen erkannt, verstanden und zumindest teilweise verarbeitet haben.
- selbstsicher genug sind, um uns der Gewalttätigkeit eines anderen Mannes auszusetzen.
- unsere Furcht vor weiterer Gewalt zur Kenntnis nehmen.
- unsere eigene geschlechtsspezifische Erziehung zur Gewalt erkennen und verstehen.
- unsere Wut auf seine Gewalt erkennen – diese Wut kann uns vor Komplizenschaft schützen.

Fast jeder in dieser Gesellschaft wurde schon drangsaliert und war Opfer von Gewalt. Fast jeder hat schon einmal jemand anderen schikaniert. Erkennt diese mit dem gewalttätigen Mann geteilte Erfahrung und nutzt sie, um in wirksamer Weise mit ihm zu sprechen.

Alternativen und Ressourcen

Wir wissen, ein gewalttätiger Mann muss

- wissen, dass Veränderung möglich ist und dass er Alternativen hat.
- wissen, was genau diese Alternativen sind und wo er suchen muss.
- wie er mit dem Prozess beginnen kann und welche gemeinschaftlichen Ressourcen vorhanden sind.
- andere Wege finden, mit Wut umzugehen.
- lernen, wie er andere Gefühle wie etwa Schmerz, Verletzung, Trauer und Frustration ausdrücken kann.
- lernen, seine Bedürfnisse zu erfüllen und Konflikte zu lösen, ohne auf Schläge, Einschüchterung oder Misshandlung zurückzugreifen.
- Hilfe erhalten, um seine geschlechtsspezifische Erziehung zu begreifen.
- Hilfe erhalten, um seine persönliche und familiäre Geschichte besser zu verstehen.
- über die Möglichkeiten informiert werden, die sich ihm zur Bewältigung anderer Angelegenheiten wie Drogenmissbrauch, gesundheitliche Probleme oder Arbeitslosigkeit bieten.
- wissen, dass wir von ihm erwarten, diese Ressourcen auch zur Bewältigung seiner Probleme zu benutzen.

Wir müssen keine Kreuzritter oder selbstgerechte Missionare sein. Wir können unseren Einfluss spürbar machen, indem wir uns auf ungefährliche Art und Weise einmischen und dabei die beteiligten Personen voll und ganz respektieren.

Das Ganze wird sicherer für uns alle, wenn wir erkennen, dass männliche Gewalt ein gesellschaftliches Problem ist und uns gegenseitig bei dessen Bewältigung unterstützen.

Hilfe für andere organisieren

1. Kennst du irgendwelche Situationen in deiner Familie oder bei deinen Freunden, wo ein Mann jemanden schlägt, kontrolliert, belästigt oder anderweitig verletzt?
2. Was ist für die betroffenen Personen gefährlich an dieser Situation?
3. Welche Gefahren könnten dir beim Einschreiten drohen?
4. Abgesehen von den Gefahren – welche anderen Gründe hast du, dich nicht einzumischen?
5. Wie könntest du auf umsichtige Art die misshandelnde Person konfrontieren?
6. Welche Art von Unterstützung kannst du der davon betroffenen Person geben?
7. Mit wem kannst du reden, um Unterstützung zu bekommen und damit wirkungsvoller einzuschreiten?
8. Kennst du irgendwelche Männer, die gewalttätig sind und sich weigern, Hilfe anzunehmen?
9. Wie kannst du ihnen ein Freund sein und sie beim Beenden der Gewalt unterstützen?
10. Was sind drei Dinge, die du tun könntest, wenn du beobachtest, dass ein Mann eine Frau in der Öffentlichkeit schlägt oder dass eine Gruppe von Leuten jemanden angreift?
11. Warum wäre es beängstigend oder gefährlich für dich, diese drei Dinge zu tun?
12. Warum ist es wichtig für dich, einzuschreiten?
13. Wie wirst du dich fühlen, wenn du gar nichts tust?
14. Was sind einige Dinge, die du sagen könntest, wenn ein Elternteil sein Kind misshandelt?
15. Was für Wege gibt es, die Belästigung von Frauen, Schwulen, Lesben, Bisexuellen oder Leuten anderer ethnischer Herkunft zu stoppen?
16. Was gewinnst du, wenn deine Szene sicherer für Frauen ist?


3 Antworten auf “Anhang: Männersache – Anderen helfen, Hilfe zu finden”


  1. 1 neugierige_r 02. Juli 2009 um 0:00 Uhr

    Gibt’s weitere Infos zu dem Buch von Paul Kivel? Kontakt- oder Downloadmöglichkeiten?

  2. 2 fragende 14. Mai 2010 um 10:00 Uhr

    kennt ihr leute/ organisationen/ gruppen/ institutionen, die täterarbeit in berlin anbieten und empfehlenswert sind?

  3. 3 @fragende 14. Mai 2010 um 16:59 Uhr

    Hmm, da gibt es nicht so viel. einige Beratungsangebote finden sich bei etablierten Vereinen (Wildwasser, Mannege). Es tut sich wohl auch grad was in der Szene. Mein Tip: Schau mal beim neuen antisexistischen Infoladen vorbei: http://as-laden.info/ (Öffnungzeiten beachten!) --> gibt auch mailkontankmöglichkeit.

    msg
    b.

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