Stories

Story # 1

Meine Verwicklung in diese Geschichte begann, als ich zu einem Treffen wegen
eines Übergriffes eingeladen wurde, den ein Bekannter von mir verübt hatte. Je-
mand aus meinem Freundeskreis hatte eine Intervention verlangt, und zunächst
schien die Situation ziemlich klar.
Das Paar, um das es ging, war für mehrere Monate zusammen gewesen, hatte sich
zunehmend von Freunden isoliert und damit angefangen, sich regelmäßig heftig zu
streiten und sich anschließend wieder zu versöhnen.
Während einer dieser Streits schlug er sie. Beim Interventionstreffen erzählte sie,
wie er sie zunächst geschubst und dann geschüttelt hatte. Er entschuldigte sich,
starrte zu Boden und gab alles zu. Ich erinnere mich, damals gedacht zu haben,
wie typisch doch so eine Zurschaustellung von Reue für einen Gewalttäter war. Ich
hoffte, die anderen Leute, die die Intervention mittrugen, würden es ihm nicht zu
leicht machen, nur weil er im Moment so reuig schien. Sie taten ́s nicht. Sie gingen
der Sache wirklich nach. Sie sagte, sie sei dankbar für all die Unterstützung. Er
weinte und sprach davon, die Beziehung zu beenden, Beratung zu suchen und die
Szene eine Zeit lang zu verlassen. Es lief alles so, wie ich gedacht hatte. Doch dann
änderte sich das Ganze.
Sie sagte nun, sie wolle mit ihm zusammenbleiben und ihm helfen, mit seinem
Kram zurechtzukommen. Er sagte, er sei unsicher und wolle sie nicht noch weiter
verletzen, habe aber in der Beziehung auch kein rechtes Vertrauen zu sich selbst.
Als einige Leute vorschlugen, dass es für sie beide vielleicht besser wäre sich zu tren-
nen, wurde sie zunehmend wütend und sagte, sie bräuchte vielleicht keine Unter-
stützungsgruppe mehr. Jemand sagte, sie sollten sich wenigstens mit Leuten treffen
und besprechen, worum es bei ihrem sich ständig steigernden Konflikt eigentlich
ging. Sie erklärte daraufhin, das wäre privat. Er schwieg und sagte schließlich, dass
er mit ihr zusammenbleiben würde wenn sie ihr Versprechen halten und das Trin-
ken aufgeben würde. Sie sagte, sie hätte kein Alkoholproblem.
Als die Unterhaltung weiterging, kam dann ihr Akoholmissbrauch zur Sprache,
sowie ihre verbale Übergriffigkeit und dass sie dazu neigte, Zeug im Haushalt zu
zerstören. Seine Versuche, sich um sie zu kümmern, sie zu „retten“ und einzu-
schreiten, wenn sie betrunken war, hatten zu dem Vorfall geführt, der ursprünglich
der Auslöser für die Intervention gewesen war. Es kam auch heraus, dass er sich
in der Vergangenheit um seine alkoholabhängigen Eltern kümmern musste. Am
Ende der Intervention war klar, dass – obwohl sein Gewaltausbruch komplett un-
gerechtfertigt war – die Dinge doch sehr viel komplizierter lagen, als es zunächst
erschien.

Story # 2

Darren aus Sacramento zog in unser Haus. Wir waren mit ihm befreundet, aber
niemand kannte ihn wirklich gut. Kurz nachdem er eingezogen war, kam es zu
einer krassen Szene, die mit seiner Ex-Partnerin Velma zu tun hatte. Leute, die
etwas davon mitbekommen hatten, fingen an, Darren bei verschiedenen Veran-
staltungen zu ignorieren. Als es dann öffentlicher wurde, dass da irgendwas pas-
siert war, erzählte uns Darren, dass er in Sacramento einen schlimmen Streit mit
Velma gehabt hatte:
Während dieses Streits forderte er Velma dazu auf, zu verschwinden und als sie
das nicht tat, schlug er gegen eine Wand, brach sich dabei die Hand und schmiss
anschließend ein Fahrrad durch die Gegend. Sie verschwand und das war das
Ende ihrer Beziehung. Velma hatte zu der Zeit und auch schon vorher mit ver-
schiedenen Dingen zu kämpfen und Darren war nicht nur ihre RZB (Roman-
tische ZweierBeziehung) sondern auch sonst eine wichtige Stütze für sie gewesen.
Darren war wegen der aktuellen Situation und der Art, wie er gehandelt hatte
sehr aufgelöst. Er stimmte dem Vorschlag zu, ein Anti-Aggressions-Training zu
machen, sich weiter dazu beraten zu lassen und auch weiterhin mit uns zu bespre-
chen, wie es ihm geht.
Velma wollte keinen Kontakt mit Darren. Sie ging noch einen Schritt weiter, in-
dem sie ein Flugi machte, durch das sie Darren als sexistischen Gewalttäter outete
und seinen Ausschluss aus der Szene forderte. Velma und ihr Unterstützungskreis
waren sehr erbost darüber, dass wir uns weiterhin auf Darren einließen, aber sie
sprachen uns nicht direkt darauf an. Über die Gefühle der Gruppe hörten wir aus
5. Hand – wir würden „einem Gewalttäter in unserem sexistischen Schutzraum
Zuflucht gewähren“.
Wir organisierten ein Treffen zwischen Velma, ihrer Unterstüzungs-Gruppe und
unserem Wohnzusammenhang. Wir brachten unsere Unterstützung für Velma
und ihren Prozess zum Ausdruck, erklärten aber, dass es unserer Meinung nach
viele verschiedene Rollen gibt, die die Szene in solchen Situationen spielen sollte.
Wir glaubten, dass wir uns auf Darren einlassen müssten, um ihn dabei zu unter-
stützen, sein Verhalten zu verändern und zu verbessern. Velma war allerdings der
Meinung, dass wir gar nicht helfen würden, sondern auch noch zu ihrer schlechten
psychischen Verfassung beitragen würden.
Ich war besorgt darüber, dass Leute hinter Darrens Rücken einen Haufen Mist
erzählten, ohne irgendetwas zu tun, um die Situation zu verbessern und dann
auch noch behaupteten, sie würden Sexismus bekämpfen. Meiner Meinung nach
hat diese Art von Aktivismus die Situation für die direkt Beteiligten ziemlich er-
schwert.

Story # 3

Ich hatte eine Freundin, namens Sammy. Ein alter Freund von ihr und seine
Freundin, Frank und Emma, wurden aus ihrer Wohnung geworfen und mussten
bei ihr unterkommen, solange bis sie etwas anderes finden würden. Vielleicht auch
bis zum Entschluss, entweder ganz woanders hinzuziehen, oder einen stationären
Drogenentzug zu machen, da sie starken Crystal-Speed-Missbrauch betrieben.
Trotz der Besorgnis, der Enttäuschung und des Ärgers vieler seiner Freunde schlug
Frank Emma und trotz der Besorgnis, der Enttäuschung und des Ärgers vieler
ihrer Freunde wollte Emma Frank nicht verlassen.
Sammy wollte nicht zulassen, dass Frank Emma schlug, während sie bei ihr
wohnten und redete mit den beiden über ihre Beziehung. Sie hatte dabei aber nie
das Gefühl, auf viel Resonanz zu stoßen.
Viele ihrer Leute waren wütend auf Sammy, weil sie meinten, Sammy würde das
Paar auch noch unterstützen, indem sie die beiden bei sich wohnen ließ. Sammy
war aber der Ansicht, dass es besser wäre, sie irgendwo untergebracht zu haben
als sie auf der Straße sitzen zu lassen. Außerdem glaubte sie, dass Frank Emma
weniger schlagen würde, während sie mit ihr zusammen wohnten.
Frank und Emma zogen dann schließlich in eine ländliche Gegend. Sie nehmen
immer noch Drogen, aber weniger als vorher und es scheint keine Gewalt mehr zu
geben…obwohl sich das so aus der Entfernung natürlich schwer beurteilen lässt.

Story # 4

Jean und Tony wohnten in einem anarchistischen Hauskollektiv. Eines Tages gab
es dort einen Streit über Eiscreme. Es waren eine Menge anderer Leute anwesend
und Jean beschwerte sich darüber, dass einige Leute das ganze Eis aufaßen. Tony
macht sich über Jean lustig, worauf Jean anfing, Tony anzuschreien. Als Antwort
bewarf Tony Jean mit einem kleinen Holzgegenstand, der Jeans Freund am Kopf
traf. Jean stand daraufhin auf und ohrfeigte Tony. Das war für Tony der Anlass
eine große und schwere Haferbreischüssel zu werfen, die Jean traf und eine tiefe
Wunde auf ihrem Arm hinterließ. Jean musste zum Nähen ins Krankenhaus.
Später setzte sich das Haus zusammen, um das Geschehene zu diskutieren. Jean
entschuldigte sich dafür, dass sie Tony geohrfeigt hatte, Tony dagegen entschuldigte
sich nicht dafür, dass er Sachen herum geschmissen hatte. Er meinte, dass Gewalt
als Art der Konfliktlösung in Ordnung wäre. Der Rest des Kollektivs entschied,
dass beide gleichermaßen für das Geschehene verantwortlich gewesen wären und
daher nichts weiter getan werden müsse. Jean wollte daraufhin, dass das Tony aus
dem Kollektiv hinausgeworfen wird. Mit dieser Forderung fühlten sich allerdings
die anderen Leute nicht wohl, teilweise deshalb, weil Tony ein Latino und homo-
sexuell war und alle anderen Bewohner, Jean eingeschlossen, weiß waren. Bald da-
nach zog Jean mit der Begründung aus, dass sie sich in einen gemeinsamen Haus
mit Tony nicht mehr sicher fühle.
Jean ist diejenige, die mir diese Geschichte erzählt hat und mir die Erlaubnis gab,
sie hier aufzuschreiben. Hinterher habe ich sie gefragt, was die Leute aus ihrem
Haus hätten tun können, damit sie sich sicher genug gefühlt hätte, ihre eigene
Rolle in dem Konflikt zu reflektieren. Sie sagte, dass sie zuerst der Meinung war,
dass, wenn Tony sich nicht einmal entschuldigen könne, er auch nicht mehr dort
wohnen dürfe. Darüber hinaus wollte sie eine Anerkennung der unterschiedlichen
Grade der ausgeübten Gewalt. Ihr war klar, dass es falsch war, Tony zu ohrfeigen,
und wäre bereit gewesen eine Beratung (oder etwas anderes) zu machen, wenn das
Haus in der Lage gewesen wäre, anzuerkennen, dass das, was Tony getan hatte,
schlimmer und gefährlicher war als das, was sie gemacht hatte.

Story # 5

Ich war an der Unterstützung von Dawn beteiligt. Sie ist eine gute Freundin von
mir und war in einer richtig gewalttätigen Beziehung. Sie hatte was mit einer Frau
namens Anna, die in der gleichen Szene unterwegs war wie sie. Sie überlegten sich,
gemeinsam auf Reisen zu gehen und in eine neue Stadt zu ziehen.
Nachdem sie weg waren, rief mich Dawn regelmäßig an und erzählte, wie Anna
ausflippte und sie verprügelte, teilweise so krass, dass sie blaue Augen davontrug.
Ich sprach mit Dawn darüber, die Beziehung zu beenden, aber sie sagte, dass sie
das nicht könne, weil Anna sie mit Geld und anderen Sachen unterstütze. Nach
ein paar Monaten trennten sie sich doch und zogen in getrennte Häuser.
Dann fingen sie wieder an, sich zu treffen. An einem Abend hatte Dawn einiges
getrunken und ging zu Anna rüber. Anna war mit einer anderen Frau zusam-
men. Dawn drehte durch, schubste Anna und fing an, sie anzuschreien. Dawn
weigerte sich, das Haus zu verlassen und zog das Telefon raus, als die beiden
anderen versuchten, die Polizei zu rufen. Schließlich ging sie.
Anna erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen sie. Dawn regte sich sehr darüber
auf, weil sie es ja war, die früher so oft von Anna geschlagen worden war. Sie regte
sich auch auf, weil Anna die Justiz einschaltete, obwohl sie sich selbst als Anarchi-
stin bezeichnete. Anna hielt Dawn mit der einstweiligen Verfügung in Schach, weil
sie wusste, dass Dawn Jugendarbeit machte. Sie selbst kontaktierte Dawn weiter-
hin, während Dawn nicht legal mit ihr in Verbindung treten durfte. Schließlich
erwirkte auch Dawn eine ähnliche Verfügung und dann gingen sie gemeinsam vor
Gericht und entschieden, beide Verfügungen aufheben zu lassen.
Danach hatten sie eine Zeit lang keinen Kontakt mehr zueinander. Dann wurden
sie wieder Freundinnen und fingen auch an, miteinander zu schlafen. Dawn wollte
keine richtige Zweierbeziehung und schlief auch mit jemand anderem. Als Anna
das herausfand, regte sie sich richtig auf und drohte, sich umzubringen.
Jetzt ist Dawn aus der Stadt weggezogen, in der sie beide wohnten, weil Annas
Freunde jeden ihrer Schritte überwachten oder fies zu ihr waren wegen dem, was
Anna ihnen über Dawn erzählt hatte.
Die ganze Situation war äußerst komplex und es gab keinen eindeutigen „bad
guy“. Die ganze Angelegenheit hatte auch Einfluss auf die Szene, weil beide Par-
teien ihren Freund_innen erzählt hatten, was abging. Die Auswirkungen davon
waren in mehr als einem sozialen Zusammenhang zu spüren. Beide Frauen haben
eine ziemlich ähnliche Beziehungsstruktur, die die Szene auch weiter beeinträch-
tigen wird.